Tschechow – das kulturelle Gewissen Russlands?
Impressionen von einer Vortragsreise nach Moskau.
Mit geschätzten 17 Millionen Einwohnern und bis zu 5 Mio. nicht ständig dort Wohnenden ist das moderne Moskau das politische, wirtschaftliche und kulturelle Herz Russlands. In fünf Tagen, vom 14.-18. Dezember 2010, bekam ich von dem hektischen Schlagrhythmus einiges mit.
Eingeladen hatte mich das „Staatliche Zentrale A. A. Bachruschin-Theatermuseum“, das größte Museum für Theaterkultur der Russischen Föderation, das direkt dem russischen Kulturministerium untersteht.
Dieses traditionsreiche Haus war 1894 als Privatsammlung im neogotischen Wohnhaus des Großindustriellen Alexej Alexandrowitsch Bachruschin gegründet worden und hatte sich schon in früher sowjetischer Zeit zum zentralen Theatermuseum des Landes gemausert. Mittlerweile sammelt das Museum mit zehn Filialen und 320 Mitarbeitern sogar weltweit Dokumente zur Theatergeschichte. Der Bestand mit über 1,5 Mio. (!) Exponaten weist es als größtes Theatermuseum der Russischen Föderation aus.
Somit war erklärlich, warum der Generaldirektor des Museums, Dmitri Rodionow, zum 150. Geburtstag Anton Tschechows im Frühjahr den bekannten russischen Kunstfotografen Alexander Iwanischin nach Badenweiler in Marsch gesetzt hatte, um am Sterbeort Tschechows eine Fotodokumentation zu erstellen. (Siehe meinen Bericht hierzu in: Badenweiler Aktuell, 29.4.2010, Nr. 17, S. 3-5). Die Dokumentation wurde dann Teil der wichtigsten Tschechow-Ausstellung Russlands unter dem Titel „Theatralisch-künstlerisches Projekt: Tschechow“. Ort der Ausstellung vom 15.7.- 25.12.2010 war nicht das Bachruschin-Museum selbst, sondern das riesige und zentral neben dem Puschkin-Platz auf der Twer-Hauptstraße, der ehemaligen Gorki-Straße, gelegene „Staatliche Museum für Zeitgeschichte Russlands“.
Der „Tag Badenweilers“ in Moskau
Bereits zur feierlichen Vernissage der Tschechow-Ausstellung am 15.7, dem Sterbetag Tschechows, war ich als Museumsleiter eingeladen worden, dem allerdings unsere eigenen Tschechow-Jubiläumsevents entgegen standen. Damals hatte die Föderationsausgabe der „Russkaja Gazeta“ (Russische Zeitung) getitelt: „Kirschgarten erblühte im Zentrum Moskaus“. Die Fotos zu diesem musealen Kirschgartentraum hatte Iwanischin im Eggener Tal bei Badenweiler gemacht.
Als Alternativtermin für meinen Besuch wurde dann der 15.12. zum „Deutschen Tschechow-Tag“ und „Tag Badenweilers in Moskau“ erklärt, an dem ich zehn Tage vor der großen Finissage der Ausstellung einen Vortrag mit Bildern halten sollte.
Als Thema hatte sich Dmitri Rodionow etwas durchaus Anspruchsvolles gewünscht, sollte ich doch sowohl über die hundertjährige Tschechow-Tradition des Heilbades als auch über die aktuellen Tschechow-Inszenierungen auf deutschen Bühnen referieren. Zumindest das letzte Thema erforderte längere Recherchen. Mein einstündiger Redetext wurde dann weitgehend von der Muttersprachlerin und Russischlehrerin Elisabeth Hartmann, Vorstandsmitglied der Dt. Tschechow-Gesellschaft, in ein rhetorisch überzeugendes Russisch übersetzt.
Nachdem ich beim Transitflug von Stuttgart über Paris wegen des harten Wintereinbruchs mit enormer Verspätung abends auf dem brandneuen Terminal Scheremetjewo ankam, erwartete mich bereits seit Stunden die junge Museologin der Auslandsabteilung des Museums, Julia Rajsina, um mich ins elegante Hotel „Golden Apple“, wenige Meter vom Puschkin-Platz entfernt, zu begleiten. Die Fahrt mit dem Dienstmercedes wurde ein Megacity-Erlebnis – als nicht endender Stau bei mehrspurig fahrenden Autos, - der Verkehrsinfarkt sei auch ohne Eis und Schnee eine Moskauer Krankheit, erklärte Julia. Im „Golden Apple“ erwartete mich bereits die Leiterin der Auslandsabteilung, Tatjana Jegorowa, zum ersten Programmgespräch. Da mich ihre Deutschkenntnisse schon früher erstaunt hatten, fragte ich nach ihrer Ausbildung: Mediävistikstudium mit einer Diplomarbeit über die deutsche Hohenstaufenzeit und Forschungsaufenthalten in Konstanz und Würzburg.
Am nächsten Morgen (15.12.) ging es in Begleitung von Julia quer durch das unterirdische Moskau, also per Metro, zur Station Paweletzkaja neben dem Bachruschin-Museum. Obwohl mir die Moskauer Metro seit Jahrzehnten bekannt ist, war das Gedränge erneut verblüffend, dabei war es noch nicht einmal „tschas pik“, also Stoßzeit. Übrigens ist wohl noch nie so umfassend überwacht worden: nach den Terroranschlägen in der Metro gibt es nun keinen Winkel mehr, der nicht von Videokameras erfasst wird. Kontrolle wird mit großen Buchstaben geschrieben, auch nicht ohne Grund, denn sogar während meines Aufenthalts kam es zu Auseinandersetzungen zwischen rechten Gruppen, die nach einem Fußballspiel Jagd auf „asiatische Gesichter“ machten, und der OMON, der Sicherheitspolizei. Zudem trug gewiss auch Westeuropa zur Anspannung bei: am Tag meiner Ankunft begann der Staatsanwalt die im Westen als politisch lanciert kritisierte Anklageschrift gegen Michail Chodorkowski zu verlesen.
Die Führungsspitze des Museums
Im Bachruschin-Museum lernte ich das engagierte Führungsduo des Museumskomplexes kennen: Generaldirektor Dmitri Rodionow, in Personalunion Betriebswirtschaftler und Theaterwissenschaftler, für heutige Zeiten eine ideale Konstellation, und sein Stellvertreter Alexander Rubzow, den Leiter der Bildung- und Eventabteilung, daneben ist er aber auch noch aktiver Schauspieler.
Dass Direktor Rodionow meinen Besuch als Hochachtung vor der hundertjährigen Tschechow-Tradition Badenweilers, unseren eigenen Museumsaktivitäten und als zukunftsträchtiges Element gemeinsamer deutsch-russischer Kooperation wertete, ließ sich nicht nur an den herzlichen Begrüßungsworten und der vom Ministerium finanzierten Gastfreundschaft, sondern auch an dem für mich vorbereiteten intensiven Besuchsprogramm ermessen. Und natürlich galt die mir erwiesene Aufmerksamkeit auch der Deutschen Tschechow-Gesellschaft, in die das Museum auch eintreten möchte. Als Gastgeschenk übergab ich eines der sechs existierenden, in Leinen gebundenen „Sonderausgaben zur Gründung der DTG“.
Es sollte eine Überzeugung werden, die sich die ganzen fünf Tage über bei mir verstärkte: das gebildete Russland setzt auf grenzüberschreitende Kulturkooperation, da hier noch am unmittelbarsten hoffnungsvolle Perspektiven europäischer Gemeinsamkeit geleistet werden können. Dass Badenweiler dabei einen gewichtigen Platz einnimmt, erweist übrigens auch die Ausstellungsliste der Teilnehmer und Partner der Ausstellung: Das Literarische Museum „Tschechow-Salon“ ist dort noch in der ersten Hälfte, gleich nach den russischen Tschechow-Museen, der Staatsbibliothek und der Stiftung des Staatlichen Fernsehens aufgeführt.
Nach dem Essen mit Alexander in einem usbekischen Restaurant – wobei die usbekische Küche ihrem Renommee als lukullisches Vergnügen voll gerecht wurde, ging es zur Ausstellung, wo um 16 Uhr mein Vortrag stattfinden sollte.
Das „Museum für Zeitgeschichte“ erwies sich als monumentaler säulengeschmückter Palast, der im Kern noch auf die Zeit Katharinas der Großen zurückgeht, aber nach dem Brand von Moskau 1812 im neoklassizistischen Stil von dem Schweizer Architekten Domenico Gilardi (1785-1845) umgebaut wurde, dessen berühmtestes Werk die alte Moskauer Universität ist, an der auch Tschechow studierte.
Im heutigen Museum befand sich von 1823 bis 1918 der „Englische Klub“, eine der feinsten Adressen des alten Moskaus, danach brachte Stalin die Requisiten und Dokumente der Oktoberrevolution hierher. Lenins Panzerwagen steht noch heute martialisch vor den dorischen Eingangssäulen. Bis zur Umwandlung 2005 ins „Museum für Zeitgeschichte Russlands“ war es das „Revolutionsmuseum der Sowjetunion“. Das riesige Palais soll die größte Dokumentensammlung zur Sowjetgeschichte und der Zeit danach beherbergen.
Doch war immer noch genügend Platz, um auch eine große Tschechow-Ausstellung unter zu bringen. Und was für eine! Eine intensive Führung unter Leitung der wissenschaftlichen Bachruschin-Mitarbeiterin Jekaterina Kasakowa und des Vizedirektors Rubzow machten mir das auf beeindruckende Weise deutlich.
Das Theatralisch-künstlerische Projekt „Tschechow“
Die Kuratoren des Gesamtprojekts, die Kunstwissenschaftlerinnen, die auch schon in Badenweiler bei den Tschechow-Kongressen vertreten waren, Alewtina Kusitschewa und Tatjana Schach-Azisowa, dann D. Rodionow und als Ausstattungskünstler Alexander Borowski sowie A. Rubzow als Eventmanager, hatten mit ihrem „Tschechow-Projekt“ weit mehr im Sinne als „nur“ eine biografisch-historische Jubiläumsausstellung:
Hier ging es um den künstlerischen Versuch, Tschechows Werk, seine Weltanschauung und unsere Rezeption in die Gegenwart zu transponieren, ohne das Wissen um den zeitlichen Abstand zu Tschechow zu vergessen – quasi eine philosophische Konzeption der ständig sich ändernden Wahrnehmung von Literatur und Leben! Ein halbes Hundert Sonderveranstaltungen sollten dieses Projekt begleiten.
In den sechs hohen Ausstellungsräumen wurden die teilweise wandgroßen schwarz-weiß Fotografien Iwanischins von Personen, Orten und Impressionen zu Leben und Werk Tschechows präsentiert, wobei die Fotowände durch breite, mit Texten Tschechows beschriftete Säulenschäfte getrennt waren, so dass man wie durch Tempelhallen mit Landschaftsperspektiven ging.
Diese Säulenkonzeption bezog sich selbst auf eine berühmte Tschechow-Inszenierung des „Kirschgartens“: 1995 hatte der international bekannte russische Bühnenbildner David Borowski (1934-2006), der Vater des jetzigen Ausstellungskünstlers, der über 30 Jahre das Taganka-Theater und das Moskauer Künstlertheater prägte, im „Dionysos-Theater“ in Athen den „Kirschgarten“ in Szene gesetzt – eine Inszenierung, welche in ihrem stringenten Minimalismus zur Legende wurde. Borowski hatte das Bühnenbild einzig aus weiß-schwarzen Säulenschäften gebildet, das Modell dieses Bühnenraums war im ersten Ausstellungssaal als geistige Wegmarke aufgebaut.
Das jetzige „Tschechow-Projekt“ nahm diese Säulenstruktur als lakonische Form des „Katastrophengefühls“ der damaligen Zeit wieder auf,– in der Internetpräsentation des Museums wird der Vergleich vom „Kirschgarten“ zu den abgestorbenen Bäumen Tschernobyls gezogen – also ein inszenierter Garten der Vergänglichkeit als Folge unserer unbarmherzigen Zivilisation.
Die Ausstellung verzichtete bewusst auf authentische Objekte aus dem Leben Tschechows. Wahrscheinlich wäre es ein Leichtes gewesen, Originalbestände anderer Museen hierher zu verbringen, doch hier waren historische und intellektuelle Distanznahme sowie die Einsicht in die Notwendigkeit gefragt, sich dem „unausschöpflichen Tschechow“ – so einst Stanislawski - immer neu stellen zu müssen. Alles ohne beweihräuchernde Attitüde und historische Devotionalien.
Auch die unterschiedlichen Maß- und Perspektiveverhältnissen der Fotografien Iwanischins, die nicht selten das Kleine groß und das Große klein erscheinen ließen, förderten diese moderne Wahrnehmung.
Hingen in Saal 1 eine Fülle von Portraitfotos von Tschechows Familie, Freunden und Bekannten, so folgten dann in den nachfolgenden Sälen die Lebensstationen Tschechows als aktuelle Aufnahmen Iwanischins zu den vier Themenkreisen: Haus, Land, Garten und Himmel, wobei diese Begriffe weit über ihre konkrete Bedeutung hinaus tiefgründig angelegt waren.
Himmel, so der Museumstext, sei mehr als nur ein Naturschauspiel, sondern auch Bildmetapher für das helfende Vermögen tätigen Mitleids, uneigennützige Hilfe und persönliche Anteilnahme. Und so stand auch der „Garten“ nicht nur für die realen Gärten, die Tschechow in Melichowo oder Jalta anlegte, sondern auch für eine „sensible Beziehung zur Natur, aber auch für den Schmerz über unsere barbarischen Beziehungen zum Leben“. Der sechste, der Theatersaal, war dem post-tschechowschen Theater bis ins 21. Jahrhundert gewidmet – ein sechseinhalbstündiger (!) Film von Lali Badridse über moderne Inszenierungen stand dabei im Zentrum. Chronologisch korrekt kam der „Auftritt“ Badenweilers erst im letzten Saal mit der wahrscheinlich größten Fotografie, die den Tschechow-Platz mit der Park-Therme zeigte.
Für mich erfreulich und erstaunlich zugleich, dass zu meinem Vortrag am Mittwoch Nachmittag der große Theatersaal bis auf den letzten Platz gefüllt war – nach Laudationes von Direktor Rodionow und Museumsleiter Dr. Konstantin Bobkow vom „Tschechow-Museum und der Gedenk-und Forschungsstätte Melichowo“ gewährte man mir fast 60 Minuten für meine beiden Themen. 62 russisch beschriftete Fotografien von Badenweiler ließ ich dazu nonstop projizieren.
Offensichtlich hatte ich den Erwartungen entsprochen, denn nach viel Applaus und Interviews mit der anwesenden Presse wurde ich für den nächsten Tag ins Sendehaus des russischen staatlichen TV-Kulturkanals für ein weiteres Interview eingeladen.
Ein Stehempfang mit zwanglosen Gesprächen, wobei mir ein Stapel Bücher für das Badenweiler Museum von den Autoren Natalja Martischina, Tamara Ponomareva und Andrej Turkov überreicht wurden, bildeten das angenehme Ende dieses übervollen Tage.
Die 60 Flaschen Badenweiler Römerberg, Tschechow-Jubiläumswein, welche bereits in Moskau angekommen waren, blieben dabei allerdings unter Verschluss, sie waren bestimmt, bei der Finissage am 25.12. die Ehrengäste und Mäzene aus Politik, Wirtschaft und Kultur mit Badenweiler bekannt zu machen.
Am nächsten Tag ging es zuerst quer durch Moskau zum TV-Kulturkanal des Staatlichen Fernsehens, wo ich erfuhr, dass fünf Minuten Sendezeit für mich vorgesehen waren, eine höchst beachtliche Ehrung! Das Bachruschin-Museum hatte keine Mühe gescheut, mir das kulturelle Moskau so intensiv wie möglich vorzuführen.
Die Malerlegende Lewitan und Tschechow
So stolperten Tatjana, Julia und ich anschließend, wieder aus der Unterwelt der Metro aufgetaucht, über Eis und Schnee am berühmten Gorki-Park vorbei in eines der aktuellen Kunsthighlights Russlands, in die Sonderausstellung „Isaak Iljitsch Lewitan, zum 150. Geburtstag“ im „Zentralen Haus des Künstlers“ am Krim-Wall. Dieses Haus, das in den 1970er Jahren errichtet wurde, um sämtliche Kunstwerke der Sowjetzeit aufzunehmen, beherbergt heute eine Filiale der Staatlichen Tretjakow-Galerie. Der Weg zum Eingang ist bestückt mit Großplastiken des Sozialistischen Realismus, welche, nun im Moskauer Stadtbild untragbar geworden, dort im Park aufs Altenteil gerieten. Die bekannte Plastik „Schwerter zu Pflugscharen“ hatte es zumindest bis zum Galerieeingang geschafft.
Die Lewitan-Ausstellung, mit über 500 Exponaten die bisher umfangreichste für diesen Maler überhaupt und mit Leihgaben sogar aus Israel, feiert ihn als den größten Künstler der russischen Landschaft, der die russische Identität bis heute prägt.
Der im gleichen Jahr (1860) wie Tschechow geborene Lewitan kann eine jener Biografien vorweisen, die den Mythos des kämpfenden und leidenden Talentes verkörpern: in eine arme jüdisch-litauische Familie hineingeboren, musste er sich mit 13 Jahren seine Malerausbildung in Moskau erhungern, was schon früh eine Herzerkrankung nach sich zog. Trotz mehrerer Westeuropareisen blieb er der russischen Landschaft treu und erkämpfte sich gegen viele Widerstände seine künstlerische Anerkennung. Er wurde Mitglied der berühmten Genossenschaft der Wandermaler (Peredwischniki) und stellte sogar in München und auf der Pariser Weltausstellung aus. Ein Jahr nach seiner Ernennung zum Akademiemitglied erlag er im Jahr 1900 mit 40 Jahren seiner Herzerkrankung, wie Tschechow hatte er vorher nur zeitweilig Linderung in Westeuropa gefunden. Dass Lewitan seit 1885 bis zu seinem Lebensende mit Tschechow befreundet war und dieser ständig zitiert wird, verlieh unserem Ausstellungsbesuch natürlich eine besondere fachliche Weihe.
Für den Abend hatte man mir noch ein exquisites Kunsterlebnis zugedacht: die Aufführung des romantischen Balletts „Giselle“ von Adolphe Adam mit Starbesetzung im „Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater“, das in der Moskauer Theaterhierarchie als bedeutendste Ballettbühne nach dem „Bolschoj-Theater“ gilt. Die bis heute gültige Theaterfassung, deren literarische Vorlage auf Heinrich Heines Legende von den „Wilis“ zurückgeht, wurde übrigens durch die „Ballets Russes“ von Sergej Djagilev 1910 in Paris geschaffen, die höchstes tanztechnisches und künstlerisches Niveau erfordert – hier war es gegeben.
Im Zentrum der theatralen Museumswelt Russlands
Am nächsten Tag (17.12.) stand endlich die wegen Zeitmangel mehrfach verschobene Besichtigung des Zentralen Bachruschin-Museums an, die ich als intensive Einzelführung in den historischen Ausstellungsräumen erleben durfte.
A.A. Bachruschin (1865-1929), neben Tretjakowski, dem Gründer der berühmten Kunstgalerie, der einzige Ehrenbürger Moskaus zur Jahrhundertwende, entstammte einer Dynastie von Lederindustriellen, welche nicht nur zu den reichsten Familien Russlands zählte, sondern auch zu den größten karitativen und kulturellen Mäzenen. Sein Lebensweg und –werk nötigt heute noch höchste Bewunderung ab.
Galt Bachruschins Sammelleidenschaft von Theaterrequisiten noch in den 1890er Jahren als
snobistisches „Hobby“ eines Angehörigen der Großbourgeoisie, so änderte sich dies nach 1900, als er sein Hobby als Lebensaufgabe übernahm und damit letztlich einen neues museales Aufgabengebiet schuf. Teile seiner Sammlung wurden sogar schon 1905 mit großer Resonanz in Berlin ausgestellt.
Als er 1913 seine Sammlung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften schenkte, blieb er Direktor der Sammlung, die er konsequent um die heute kostbarsten Stücke erweiterte. Sogar die Revolutionszeit überstand die Sammlung trotz ihres nunmehr „klassenfeindlichen“ Bestandes weitgehend unbeschadet, da Bachruschins Fähigkeiten auch Anatoli Lunatscharski, den theaterbegeisterten „Kommissar für Volksaufklärung“ (heute: Kulturminister), überzeugten. 1919 wurde die Sammlung Teil der Theatersektion der Sowjetischen Staatlichen Akademie der Wissenschaften.
Bachruschin, der ehemalige Großkapitalist, blieb sogar aufgrund seiner erworbenen Professionalität in der Sowjetzeit bis zu seinem Tod 1929 Direktor der Sammlung. Heute ist das Museum als eigenständiger Komplex des Kulturministeriums der RF auch eine der wichtigsten Forschungsstätten für Theatergeschichte.
Bachruschin die zweite: Im Ostrowski-Museum
Gleich nach dieser Großlektion in russischer Theatergeschichte ging es zum Museum des Dramatikers Alexander Ostrowski (1823-1886), einer Bachruschin-Filiale im ehemaligen Kaufmannsviertel Moskaus „Zamoskworetschje“, wo ich auch mit unserem langjährigen Freund und Förderer, Prof. Dr. Wladimir Katajew, dem Vorsitzenden der Tschechow-Kommission der Russischen Akademie der Wissenschaften und zugleich Vizepräsident des Kuratoriums unserer DTG, verabredet war. Leider konnten wir wegen eines Zeitmissverständnisses nur einen kurzen Gruß tauschen, Pflichten riefen Katajew an die Lomonossow-Universität zurück.
Die enzyklopädisch beschlagene Historikerin Jekaterina Kasakowa führte mich dann durch das original erhaltene Holzhaus Ostrowskis, der mit 27 Dramen der produktivste Dramatiker des 19. Jahrhunderts war und als Vorläufer Tschechows gilt.
Fast alle seine Werke wurden in seinem Lieblingstheater, dem „Mali Theater“ (Kleinen Theater) aufgeführt, das im Gegensatz zur Oper, dem „Bolschoj Theater“, das bedeutendste Dramentheater des 19. Jahrhunderts war. Das Moskauer Künstlertheater, dem Tschechow verbunden war, wurde erst 1898 gegründet.
Dann nur wenige Meter über den Hof zur Theatergalerie des Museums: hier war die Vernissage der Ausstellung „Einstmals in einer wunderbaren Winternacht“ in vollem Gange: Aus ganz Russland waren Hobby-Textilkünstler geladen worden, um die Weihnachtsmärchen von E. T. A. Hoffmann: „Nussknacker und Mäusekönig“ sowie „Der tapfere Zinnsoldat“ als Märchenland-Ausstellung mit handgefertigten Stoffpuppen für die Kinder zu „inszenieren“.
Eine wahre Wunderwelt an Begeisterung, Ideen und handwerklichem Talent, die, wie Kurator Rubzow erklärte, für das Bachruschin-Museum weihnachtliche Tradition ist und vor allem Kinder und Jugendliche früh für das Theater interessieren soll.
Auch hier wurde ich als Ehrengast mit Geschenken für den „Tschechow-Salon“ überhäuft.
Mein letzter Abend ging anschließend im Nu in einem gemütlichen tschechischen Restaurant mit meinem Freund, dem Literaturwissenschaftler Dr. Alexander Krinizyn, zu Ende, der bereits als Student in Badenweiler war.
Am 18.12. nahm ich mittags Abschied von Moskau, fuhr mit der Metro und der Straßenbahn, der „Elektritschka“ - wegen der Staus hatte ich auf die Fahrt mit dem Dienstmercedes verzichtet – zum Flughafen – um dort zu erfahren, dass mein Transitflug über Amsterdam wegen des Schneechaos verschoben war. Dass es mir dann nach Stunden dennoch gelang, nach Amsterdam zu kommen, um von dort spät in der Nacht als einer der „happy few“, wie der Flugkapitän meinte, mit der einzigen Maschine, die überraschend starten durfte, nach Stuttgart weiter zu fliegen, war ein wahres Weihnachtsgeschenk. Ich hatte mich schon auf eine unbequeme Übernachtung am Amsterdamer Flughafen eingestellt. Nur mein Gepäck hatte weniger Glück, es kam erst lange nach den Festtagen an.
Reisebericht_3_ Moskau Setzer 11.01.2011
Heinz Setzer:













