Rüdiger Safranki liest im Hotel Römerbad vor vollem Haus.
„Goethe und Schiller - das Kunstwerk einer epochalen Freundschaft.“
Gleich zu Jahresbeginn 2010 durfte das literarische Badenweiler eine veritable Sternstunde erleben, las doch Rüdiger Safranski, als Philosoph und Literaturhistoriker einer der bekanntesten zeitgenössischen Biographen und Interpreten des deutschen Idealismus, am 3.1. aus seinem neuesten Buch „Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft“.
Dem Autor gelang es, die eigene Lesung im voll besetzten Hofsaal des Hotels „Römerbad“ noch dadurch zu toppen, dass er konsequent auf den gedruckten Text zugunsten eines höchst lebendigen freien Vortrags verzichtete, der nachvollziehbar machte, warum ihn Freund und Schriftstellerkollege Cees Noteboom als „Goldmund“ bezeichnete.
Safranski verstand es, einen organischen Erzählbogen von der ersten Begegnung Goethes mit dem jungen Schiller an der Hohen Karlsschule in Stuttgart 1779 bis zu dessen Tod 1805 mit den biografischen und geistesgeschichtlichen Gelenkstellen jener Freundschaft aufzuspannen.
Von Anfang an begegnete Safranski dem häufig zu hörenden Vorurteil, es könne sich bei dieser Dichterfreundschaft nur um eine harmoniesüchtige Geschichtsklitterung der bildungsbürgerlichen Nachwelt gehandelt haben – nein, so seine grundsätzliche Einlassung, hier war eine echte Freundschaft erwachsen, zwar über viele Gräben, Konkurrenzgefühle und Jahre hinweg, aber dann doch seit 1784 bis zu Schillers Tod als beglückende Daseinserfahrung, die jedem der beiden Dichter zum emotionalen und geistigen Funkenflug wurde, die eigenen Talente in literarische Werke zu verwandeln.
Als Schiller 1787 erstmals nach Weimar kam, war Goethe durch den Geniekult des „Werther“ bereits zur Legende der jungen Generation geworden, nach seinem „Götz“ hatte er allerdings wenig mit Publikumsresonanz geschrieben. Und auch Schiller war bereits – vor allem durch sein Sturm-und-Drang-Drama der „Räuber“ – ein literarischer Markenbegriff für die rebellische Jugend geworden.
Zudem hatten beide eine ähnliche Fluchtsituation erlebt: Schiller war nach dem Triumph der Räuber-Inszenierung 1782 aus dem absolutistischen Stuttgart ins liberalere pfälzische Mannheim geflohen, und Goethe, seit langem Minister in Weimar, war vor der Last des Hoflebens und seiner Geliebten Frau von Stein 1786 nach Italien geflohen, seine eigene Sturm-und-Drang-Zeit hatte er längst hinter sich gelassen. In Rom sollte er sich mit der „Iphigenie“ endgültig zum literarischen Klassiker wandeln.
Safranski zeigte in vielen Beispielen die Unterschiede beider Lebenswelten: Hier Schiller, der sowohl gegen seine ständig wiederkehrenden Krankheiten wie mit seinen Verlegern und Intendanten ums Geld kämpfen muss, der Literatur und Ideenwelten aus Vernunft, Philosophie und Historie heraus entwickelt, sich mit diversen Aufputsch- und Rauschmitteln – hierzu gehören auch die legendären vermodernden Äpfel – zu nächtlichen Arbeitsexzessen zwingt, den das Leben eines Berufsschriftstellers durch alle existentiellen Tiefen und ideellen Höhenflüge führt und der sich mit der uradeligen, aber verarmten Charlotte von Lengefeld standesgemäß „aufwärts“ verheiratet.
Dort der, damals schon leicht rundliche, fast immer gesunde Staatsminister, der Liebling der Götter wie der Frauen, der selbstsicher, distanzgebietend sowie intuitiv und empirisch mit der Natur in Einklang lebt, sich auch in Italien wegen seines fortlaufenden Gehalts keine finanziellen Sorgen machen muss und sich durch die Liebesheirat mit Christiane Vulpius gesellschaftlich nach „unten“ orientiert.
Als Schiller 1788 an die Uni Jena als Geschichtsprofessor berufen wird, hat auch Goethe seine Hände im Spiel, er und der Weimarer Hof glauben, eine gute „Akquisition“ gemacht zu haben, um den wissenschaftlich abgewirtschafteten Ruf Jenas wieder in die Höhe zu bringen – zumal man Schiller, der sich dadurch übertölpelt fühlt, als Professor ohne Gehalt einstellen will. Tatsächlich geht die Rechnung insoweit auf, als Schiller als universitärer Magnet den gewünschten Erfolg nach sich zieht. Jena und Weimar werden in der Folge durch die beiden Dichter zu den geistigen Zentren des deutschen Idealismus. Goethe bleibt allerdings zuerst auf Distanz zu Schiller, den er als Konkurrenten empfindet, zumal er als Minister und Berater von Herzog Karl August während und nach der Französischen Revolution anderes zu tun hat; den Kampf um die Mainzer Republik etwa erlebt er aus nächster Nähe.
Erst sechs Jahre später, am 20.7.1794 in Jena, kommt es zur eigentlichen Begegnung Goethes und Schillers, es ist das „glückliche Ereignis“ schlechthin, nicht nur für die beiden Dichter, sondern für die ganze deutsche Kulturgeschichte. Grundlage ist ein Gespräch über die Metamorphose der Urpflanze, Goethes intuitiv begriffene evolutionäre Lieblingsidee, der Schiller zuerst höchst misstrauisch begegnet, die aber im Zentrum der jeweiligen Weltanschauung die Grundlage gegenseitigen Verstehens und Ergänzens legt. Safranski deutete den verschlungenen Weg der Dichterfreundschaft analog zu dieser Goetheschen „Evolutionstheorie“.
Der endgültige Durchbruch, so Safranski, kam, als der Tübinger Verleger Cotta Schiller die Herausgabe der Zeitschrift „Die Horen“ vorschlug, wozu Schiller an erster Stelle Goethe zu gewinnen suchte, der akzeptierte. Beide sahen, dass damit zum gegenseitigen, auch finanziellen Vorteil eine literarische Plattform geschaffen war, von der aus man das ästhetische und moralische Bewusstsein des ganzen Landes ändern zu können glaubte. Als Schiller 1799 von Jena nach Weimar umzieht, beginnt eine neue, noch engere Periode der Freundschaft, denn Goethe und Schiller sind nun auch räumlich Nachbarn, noch intensiver als früher kann man sich nun die geistigen Bälle zuwerfen und zu eigener Leistung anspornen.
Goethe sieht den literarischen Erfolg des Freundes nun ohne jegliche Neidgefühle, Schiller ist gesellschaftlich anerkannt, wird geadelt und avanciert zum Hofrat. Goethe bringt ihm wie niemandem sonst Vertrauen entgegen, lässt ihn sogar seinen Roman „Wilhelm Meister“ redigieren und schenkt ihm das Thema des „Wilhelm Tell“, da er sich eingesteht, Schiller sei der bessere Dramatiker. Nachdem Schiller nach mehrfachen Krankheitsattacken am 9.5.1805 stirbt, schreibt der selbst erkrankte Goethe, mit ihm habe er die Hälfte seines Daseins verloren.
Safranski war es gelungen, sein Publikum fast dramatisch in Bann zu ziehen und erlebbar zu machen, dass aus dieser Freundschaft auch eine der wesentlichsten Epochen der deutschen Geistesgeschichte erwuchs, welche bis heute die kulturelle Identität des Landes prägt.
Rüdiger Safranski hat sich übrigens bereit erklärt, die Schirmherrschaft für das in Badenweiler stattfindende Literaturprogramm „Baden-Württemberg liest“ innerhalb der „Heimattage Baden-Württemberg 2010“ zu übernehmen, – auch das eine Art Freundschaftsbeweis für das außergewöhnliche literarische Engagement des Heilbads.
Heinz Setzer







