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Freitag, 09. Dezember 2011

Fremde Einflüsse in der Literatur

Stephen-Crane-Forschungspreis an junge Geisteswissenschaftlerin verliehen.

Die dritte Verleihung des Stephen-Crane-Forschungspreises für nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften der Albert Ludwigs-Universität Freiburg und der Gemeinde Badenweiler hat ganz im Zeichen des Stichworts Transnationalität gestanden. Der seit 2007 alle zwei Jahre vergebene Preis ging dieses Jahr an Aynur Erdogan, die sich in ihrer Magisterarbeit mit der Kurzgeschichte "Adventure of a Young English Officer Among the Abenakee Savages"" (Abenteuer eines jungen englischen Offiziers bei dem wilden Stamm der Abenakee) beschäftigt hat. Die Magisterarbeit der Preisträgerin habe Literatur- und Kulturwissenschaft eine Tür zu einer transnationalen, über die bisherigen nationalen Beschränkungen hinausweisenden Zukunft aufgestoßen, führte Professor Doktor Wolfgang Hochbruck in seiner Laudatio aus.
Wie Bürgermeister Karl-Eugen Engler in seiner Begrüßung vor vollem Haus erklärte, stellt der Preis nicht nur einen innovativen Kooperationsweg zwischen universitärer Forschung und kommunaler Kulturtradition dar, sondern er ist auch ein lebendiges Element der mehr als 100-jährigen internationalen Literaturtradition des Heilbades geworden.

 

Inhaltlich geht es in der von Aynur Erdogan behandelten Kurzgeschichte um den Lebensbericht eines vom Abenakee-Indianerstamm gefangenen britischen Offiziers, welcher sich nach einem Jahr entscheiden muss, in seine europäische Zivilisation zurückzukehren oder weiter bei den "Wilden" zu leben.

 

Rezeptionsgeschichtlich reicht die Analyse Erdogans wesentlich weiter, heißt es in einer Pressemitteilung. Sie ziele auf die Entstehung und Entwicklung der Gattung amerikanische Kurzgeschichte im Allgemeinen ab – und zwar nicht als typisch amerikanische Erfindung, sondern als Ergebnis eines Wechselspiels amerikanischer und europäischer nationaler Einflüsse.

 

So handelt es sich auch bei der ältesten Textversion der Abenteuer-Geschichte, die Erdogan behandelte, nicht einmal um eine amerikanische, sondern eine französische. In den jungen Staaten des Vereinigten Amerika formten sich in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts ebenso wie in den parallel entstehenden Nationalstaaten Europas, auch die Nationalliteraturen heraus – nicht zuletzt, wie die Preisträgerin ausführte, um die wirtschaftlichen Hegemonieansprüche des in diesen Staaten immer stärker dominierenden Bürgertums durch eine eigenständige Nationalkultur abzusichern.

 

Die von Erdogan exemplarisch mit umfangreichen Quellenstudien erforschte kurze Indianer-Geschichte war ebenfalls zwischen die staatlichen Kulturfronten geraten: Nach ihrer Entstehung in Europa wurde die Erzählung zum Zwecke der nationalen Identitätsbildung "amerikanisiert", um dann von den USA wieder nach Europa zurück und vice versa zu wirken.

 

Erdogan führte mit vielen Beispielen aus, dass es in der modernen Literaturgeschichte nicht länger darum gehen darf, Literatur von fremden Einflüssen zu bereinigen, um einen nationalen Kanon aufzubauen, sondern dass es sinnvoller und wahrhaftiger sei, Nationalliteraturen als "dynamisch kulturelle Gebilde" wahrzunehmen, die sich "transnational" gegenseitig befruchten. Hierzu gehörten etwa die Abenteuer-Romane von James Cooper, der sich von Sir Walter Scott habe inspirieren lassen. Sogar Stephen Crane, so Erdogan, sei einseitig als amerikanisch-nationaler Autor behandelt worden, obwohl er die letzten beiden Jahre seines Lebens in England gelebt und, wie besonders bei seinem letzten Roman "The O’ Ruddy" feststellbar, explizit für das englische Publikum geschrieben habe.

 

Neben der Preisvergabe an Erdogan wurden noch zwei "Nominee-Preise" als wissenschaftliche Anerkennungen an Anna Brandstätter für ihre kulturwissenschaftliche Master-Arbeit zum zeitgenössischen amerikanischen Kino und an Maximilian Alders für dessen literaturwissenschaftliche Masterarbeit über Bewusstseinsberichte verliehen.

Quelle: Badische Zeitung

 
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