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Dienstag, 21. September 2010

Eine theatralisches Erlebnis der Weltspitze.

Das Obraszow-Theater der Puppen aus Moskau beim deutsch-russischen Tschechow-Theaterfestival in Badenweiler

Das Wort „Event“ als außergewöhnliches Erlebnis ist bei uns von der Werbeindustrie bis zur Unterhaltungs-Alltagsware profaniert worden. Doch am 18. und 19. 9.2010 gab es im Theater im Kurhaus Badenweiler im wahrsten Wortsinne mit dem „Staatlichen Akademischen Zentralen Obraszow-Theater der Puppen“ aus Moskau einen Theater-Event im Rahmen des „Deutsch-russischen Tschechow-Theaterfestivals in Badenweiler“, der das Etikett atemberaubende Sonderklasse verdiente.
Das „Ungewöhnliche Konzert für Dr. Tschechow“ besaß durch seine in Deutschland kaum bekannte phantastische Führungstechnik der großen Stab- und Klappmaulpuppen nicht nur ungeahnten Innovationscharakter, sondern verzauberte vor allem durch eine poetisch-synergetische Atmosphäre von Bewegung, Wort und Musik, eine hintersinnige Selbstironie und eine aberwitzige Kombination von verblüffenden Handlungssträngen, die das Publikum von Anfang zu Beifallsstürmen hinriss.
Das Theaterensemble mit 22 Personen zeigte eine für Badenweiler exklusiv erstellte Variante des Paradestück des Obraszow-Theaters: „Das ungewöhnliche Konzert“, welches vom Gründer des Theaters, Sergej Obraszow, 1946 (!) seine erste Inszenierung erlebte, danach einige Umwandlungen erfuhr und seither mit mehr als 9000 (!) Aufführungen sogar im „Guiness Buch der Rekorde“ gelandet ist. In Deutschland ist das Theater allerdings bisher weitgehend unbekannt geblieben. Im Heilbad wurde nicht die traditionelle Fassung, sondern die zum Deutsch-russischen Tschechow-Theaterfestival von Regisseurin Ekaterina Obraszowa, der Enkelin des Theatergründers, geschaffene neue Version: „Ein ungewöhnliches Konzert für Dr. Tschechow“ gegeben.
Möglich gemacht hatte der 150. Geburtstag des russischen Schriftstellers und Dramatikers Anton Tschechow, dass mit dem Obraszow-Theater nicht nur eines der bekanntesten und originellsten Theater der ganzen Russischen Föderation nach Badenweiler reiste, sondern das nach russischer Einschätzung bedeutendste Theater der Puppen der ganzen Welt. Ebenso wurde ermöglicht, dass die gesprochenen Reden des in Russland legendär gewordenen „Eduard Aplombow“, des extrem dreisten und ungebildeten Conferenciers des „Konzertes“ ebenso für Badenweiler ins Deutsche übersetzt und gesprochen wurden wie die Tschechow-Texte aus dessen Theaterstück „Die Möwe“.

Das Kulturministerium der Russischen Föderation hatte diese Inszenierung Badenweiler als großzügige Anerkennung für über Hundert Jahre intensive Gedenkkultur für Tschechow im Jubiläumsjahr zum Geschenk gemacht. Wie sehr sich die russische Seite der Außergewöhnlichkeit dieses Gastspiels bewusst war, wird auch dadurch belegt, dass Theaterdirektor Andrej Lutschin ebenso mit angereist war wie die Regisseurin Ekaterina Obraszowa und die Koordinatorin zum Kulturministerium Irina Kortschewnikowa. In einem kleinen Empfang im Rathaus trugen sich dann die Gäste ins Goldene Buch der Stadt ein. Das erste russische Fernsehprogramm, Kanal 1 Moskau, war zudem aus Moskau gekommen, um nicht nur in Badenweiler die Tschechow-Orte, sondern die ganze, fast 2-stündige Aufführung zu filmen. Zudem waren auch Korrespondenten mehrerer russischer Zeitungen zugegen. Badenweiler ist ein solch intensives russisches Medieninteresse bisher selten zuteil geworden. Auch die am Sonntag zur zweiten Aufführung teils von weither angereisten über 50 Ehrengäste standen für die bilaterale Bedeutung dieses Theaterprojekts, von russisch-diplomatischer Seite waren aus Bonn der Stv. Generalkonsul Kosavljev mit Gattin, aus Frankfurt der Sekretär des Generalkonsulats Schtschipkin angereist. Der Kulturminister der Russischen Föderation, Alexander A. Awdejew, dem letztlich das Gastspiel zu verdanken ist, sandte ein langes Grußwort, das hier nur in Auszügen zitiert werden soll:

„(..) Im Jahre, in dem man den 150. Geburtstag unseres herausragenden Landsmannes A. P. Tschechow feierlich begeht, wird Badenweiler zum Teil eines gemeinsamen „Tschechow-Kulturraumes“, der Ihre wunderschöne Stadt mit der fernen Insel Sachalin, mit der Tschechow-Gedenk-und Forschungsstätte Melichowo bei Moskau, dem südlichen Taganrog und Jalta auf der Halbinsel Krim verbindet.(...) Dieses Jahr hat uns eine Vielzahl von Tschechow-Neuinszenierungen sowie andere, von seinem großen Werk inspirierten Aufführungen geschenkt. Das für Badenweiler vorbereitete Programm stellt keine Ausnahme dar. Ich bin zuversichtlich, dass das vom berühmten Obraszow-Theater eigens zum 150. Geburtstag von Tschechow inszenierte Gastspiel bei den Einwohnern und Gästen von Badenweiler eine hohe Anerkennung finden wird. Ich wünsche Ihnen prägende, unvergessliche Eindrücke und bringe meine Hoffnungen zum Ausdruck, dass das Festival die gute Tradition der kulturellen Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland fortsetzen und eine solide Grundlage für weitere Projekte schaffen wird!“

Bürgermeister Karl-Eugen Engler; Museums- und Projektleiter Heinz Setzer und Dr. h.c. Gernot Erler, MdB, Staatsminister im Auswärtigen Amt a.D., Ostexperte der SPD-Bundestagsfraktion und Präsident des Kuratoriums der Dt. Tschechow-Gesellschaft, würdigten in Dankes- und Grußworten die Bedeutung dieses Gastspieles. Ein höchst kommunikativer Steh-Empfang im Kurhaus beschloss diesen zweiten Teil des Theaterfestivals.

 
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