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Freitag, 22. Januar 2010

"Ein Ort mit Charme"

Der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski ist vor kurzem mit seiner Frau nach Badenweiler gezogen. Safranski hat sich als Autor von Biografien über Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger einen Namen gemacht. Aktuell erschien von ihm "Goethe und Schiller – Geschichte einer Freundschaft".

Mit Peter Sloterdijk moderiert er im ZDF das Philosophische Quartett. Georg Herrmann sprach mit Safranski über den Grund für den Umzug, sein neues Projekt und die Gesellschaft nach der Wirtschaftskrise.

 

BZ: Was hat Sie bewogen, nach Badenweiler zu ziehen?
Safranski: Einerseits der Zufall, dann auch wieder nicht. Ich war über mehrere Jahre zu den Römerbad-Colloquien eingeladen und so lernten wir den Ort kennen und schätzen. Das letzte Mal war das im April 2008. Damals stand gerade eines der Kavaliershäuser zum Verkauf. Von dessen Schönheit hingerissen, haben wir es erworben. Außerdem hatte ich, noch vor Beginn der Finanzkrise, das Gefühl, dass man sein Geld in Sicherheit bringen sollte.

 

BZ: Welche Rolle spielte dabei der Philosoph in Rüdiger Safranski?
Safranski: Es gehört zum Charme dieses kleinen Ortes, dass er einen Kometenschweif von Geschichte und Geschichten hat. Das macht Badenweiler auch zu einem melancholischen Ort. Dieses Flair gibt dem Ort eine Art zweite Gestalt. Und das löst bei denen, die dafür empfänglich sind, eine innere Resonanz aus, bringt etwas zum Klingen. Das gibt Badenweiler auch etwas Welthaltiges und verscheucht das Provinzielle. Wir leben nicht in anonymen Räumen. Hier schon gar nicht, an diesem Ort, an dem Anton Tschechow und Martin Heidegger zur Kur waren, Hermann Hesse und Karl Jaspers. Und natürlich René Schickele, der hier gelebt hat.

 

BZ: Die Einheimischen scheinen diesen Zauber nicht immer zur Kenntnis zu nehmen...
Safranski: Vielleicht liegt es an einer Art Betriebsblindheit. Als Quereinsteiger ist man dafür viel empfänglicher. Viele Menschen wissen oft nicht, welcher kulturelle Reichtum hier gegeben war. Es war schon immer mein Wunsch, wieder in den Südwesten zu ziehen – ich bin in Rottweil geboren. Was ich an der Region schätze, ist die Mischung aus Bodenständigkeit und lebenszugewandter Offenheit. Das hat auch mit Geschichte zu tun, denken Sie an die Revolution von 1848, an die selbstbewusste Weinbauernkultur, an die lebensfröhliche Liberalität. Das findet sich nirgends besser als bei Johann Peter Hebel, dem Säulenheiligen dieser Region.

 

BZ: In Ihrem Romantik-Buch beschreiben Sie, warum sich in Deutschland so eine Vielfalt an regionalen Kulturen und Mentalitäten herausbilden konnte.
Safranski: Das verlief in der Tat anders als in zentralistisch strukturierten Nationen und hat historische Ursachen. Wir definieren uns in Deutschland viel stärker über die Region als über die Nation. Das birgt die Chance, regionale Besonderheiten zu entwickeln. Eine wichtige Rolle spielt die Landschaft, die bisweilen noch ganz intakten, organisch geschlossenen Dörfer, wie man sie sonst nirgendwo findet. Ich denke beispielsweise ans benachbarte Feldberg. Das sind Orte, in denen man Heimatgefühle entwickeln kann.

 

BZ: Welchen Einfluss hat das neue Lebensumfeld auf ihre intellektuelle Arbeit?
Safranski: Mein letztes Buch, "Goethe und Schiller – Geschichte einer Freundschaft", habe ich zur Hälfte hier geschrieben. Das war eine Art Test, ob ich hier arbeiten kann. Es war ein sehr angenehmes Arbeiten. Das war in der hektischen Zeit während unseres Umzugs. Ich habe diese Ruhe hier sehr genossen. Es gibt nebenbei auch einen logistischen Vorteil. Bisher waren meine Bücher auf unsere beiden Wohnungen in Berlin und München verteilt. Jetzt kann ich sie endlich mal alle um mich haben.
BZ: An was arbeiten Sie gerade?
Safranski: Ich arbeite an einem Buch, das sich mit der Zeit beschäftigt. Was ist Zeit? Wie gehen wir mit der Zeit um? Und mit deren Beschleunigung? In einem Ort wie Badenweiler, der nach einem anderen Zeitrhythmus tickt, kann man gut darüber nachdenken.
BZ: Wir haben derzeit ja etwas unruhige, ungemütliche Zeiten....
Safranski: Weil wir das Gefühl haben, dass wir in einer gewaltigen Umbruchzeit leben. Unsere Generation hat 1968 einen Umbruch miterlebt, der in den westlichen Gesellschaften einen gewaltigen Erneuerungsimpuls brachte. Der Lebensstil hat sich radikal verändert. Der zweite große Umbruch kam 1989, als die alte Nachkriegsordnung zusammenbrach. Danach gab es eine unglaubliche Ideologisierung des Marktes. Jetzt sind wir dabei, einen dritten Umbruch zu erleben. Die Marktideologie ist gegen die Wand gefahren.

 

BZ: Geht es etwas konkreter...?
Safranski: Die humane Vernunft des Zusammenlebens begründet sich nur aus politischen und kulturellen Zusammenhängen, nicht aus der Logik des Marktes. Der Staat, also letztlich wir, müssen diese Bankrotteure des Marktes jetzt am Leben erhalten, um nicht selbst unterzugehen.

 

BZ: Diese Einsicht scheint sich noch nicht überall durchgesetzt zu haben...
Safranski: Es gibt Anzeichen, dass es viele Leute gibt, die genau so weiterwirtschaften wollen wie bisher. Wir befinden uns in der Auseinandersetzung zwischen denen, die Konsequenzen aus diesem neoliberalen Desaster ziehen wollen und denen, die dafür keinen Anlass sehen. Bleibt die Hoffnung, dass die notwendigen Korrekturen, die auf einen Umbau hinauslaufen müssen, bald erfolgen. Worum es dabei geht, lässt sich formelhaft zuspitzen auf das Problem einer erweiterten Gewaltenteilung zwischen Politik und Gesellschaft auf der einen Seite und der Ökonomie auf der anderen. Märkte funktionieren nur dann zum Wohle der Menschen, wenn sie von der Politik Regelungen auferlegt bekommen. Marktakteure dürfen nur so groß werden, dass sie untergehen können, ohne die gesamte Gesellschaft mit in den Abgrund zu ziehen. Sind sie so mächtig, dass diese Gefahr besteht, dann müssen sie zerkleinert werden.

 

BZ: Ein gewaltiges Stück Arbeit.
Safranski: Und nicht nur auf diesem Gebiet. Wir stehen vor zwei enormen Herausforderungen. Zum einen muss die Marktwirtschaft Allgemeinwohl verträglich umgestaltet werden. Zugleich muss auch die Ökonomie ökologieverträglich neu entworfen werden. Und das ist auch eine Frage der Zeit.

 

BZ: Die wir hier in Badenweiler über die Medien verfolgen.
Safranski: Das sind Probleme im Weltformat, an denen wir derzeit teilnehmen. Auch in Badenweiler. Allerdings haben wir an diesem idyllischen Ort die Chance, dies mit mehr Gelassenheit zu sehen.

 

Quelle: Badische Zeitung

 
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