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Donnerstag, 30. Dezember 2010

Badehose bitte ausziehen!

Ein Tag in der Cassiopeia Therme in Badenweiler.

Walter Eberhardt horcht. Immer wenn er die Technikebene der Therme betritt, spitzt er die Ohren. Nach bald zwölf Jahren als Thermentechniker erkennt er am Geräusch, wenn etwas nicht rund läuft. Die Hemdsärmel aufgekrempelt und das Handy griffbereit am Gürtel, macht Walter Eberhardt einen Kontrollgang. Der Obereggener und seine Techniker-kollegen sind morgens fast immer die ersten.

 

6 Uhr: Im zweiten Untergeschoss erwarten ihn sprudelnde Wasserfilter und schrankhohe Stromkästen. Die Technik im Untergrund nimmt mehr Raum ein als die Thermalbecken und Saunen selbst. Doch Walter Eberhardt würde sich hier blind zurecht finden. "Das ist gewachsene Technik, von vor 35 Jahren bis niegelnagelneu", sagt er und deutet auf einen altmodischen Sicherungskasten: "Wenn ich den aufmache, bin ich wieder der alte Elektriker." Das Strahlen in seinen Augen verrät, welche Freude ihm die Arbeit macht. Ein Kollege erledigt unterdessen das tägliche Rückspülen der Wasserfilter. Die Filter werden so gereinigt.

 

7 Uhr: Eine Etage höher versenkt Valentine Blattmann einen Robotersauger im Kuppelbad-Becken. Ein Plan regelt, wann welches Becken ausgesaugt wird. Alle fünf Wochen werden die Becken obendrein komplett geleert und gründlich geschrubbt. Dann müssen Bademeister und Techniker eine Nachtschicht einlegen. Valentine Blattmann ist Gehilfin im Bäderbetrieb, sie unterstützt den Bademeister bei seiner Arbeit. Während der Robotersauger läuft, lässt sie die Schutzplane vom Außenbecken rollen. Die quirlige 43-Jährige aus Pfaffenweiler ist heute besonders gut gelaunt. Sie habe die Prüfung für den silbernen Rettungsschwimmerschein bestanden, erzählt sie. Neulich erst hat sie wieder einen kleinen Jungen aus dem Wasser gezogen.

 

7.30 Uhr: Heike Kleber ist kaum eine halbe Stunde in ihrem Büro, da meldet sich ein Mitarbeiter krank. Für die erfahrene Thermenchefin, die wichtige Termine in ihrem Kalender mit Leuchtstift markiert, gehört so was zum Alltag. Sie ist Personalchefin, Marketingfrau, Qualitäts- und Eventmanagerin in einem. "Hier muss man ein Tausendsassa sein", sagt sie und telefoniert nach Ersatz für den erkrankten Mitarbeiter.

 

9 Uhr: An der Kasse empfängt Annette Dullin den ersten Badegast. Bis Heiligabend hatten Kasse und Kassenbüro viel mit Gutscheinverkäufen zu tun, seit dem ersten Feiertag stauen sich die Besucher. Ob er einen Bademantel ausleihen könne, fragt der Gast auf Französisch. Selbstverständlich, antwortet Annette Dullin und greift hinter sich in einen flauschig-weißen Stapel. Franzosen machen einen Großteil der Thermenbesucher aus, deshalb sind alle Schilder zweisprachig. "Wir haben so etwas nicht bei uns", begründet eine Besucherin aus Mulhouse, warum sie jeden Monat kommt. "Und außerdem haben die Deutschen ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper. In Frankreich müssen Frauen jung und schön sein."

 

9.55 Uhr: Saunameister Ingo Andreß kontrolliert die Temperatur in den Saunen. Eine Stunde dauert es etwa, bis alle sechs aufgeheizt sind, auch die 100 Grad heiße Kristallsauna. In der Zwischenzeit bringt Ingo Andreß frische Kräuter in die Kräutersauna und mischt einen Duftzusatz für eine andere Sauna. "Bergkräuter als Kopfnote mit etwas grüner Limone", lautet sein Rezept. Besucher dürfen sich Aromen wünschen, die Dienstagsgruppe beispielsweise liebt Wacholder. Ingo Andreß findet das Saunapublikum angenehmer als das im Bad, denn "hier sind alle gleich: Alle sind nackt". Selbst allerdings behält der drahtige 40-Jährige das grüne T-Shirt und die weiße Hose an. Vor Aufgüssen zieht er sogar Handschuhe an. "Aus Hygienegründen", sagt er, "sonst fliegen meine Schweißtropfen überall hin."

 

10.30 Uhr: Techniker Walter Eberhardt schnappt sich eine Flasche Essig und geht in den Wellnessbereich, um die Wasserdüsen im Rasulbad zu entkalken. In einer halben Stunde werden dort die ersten Kunden Heilerde auf ihre Haut streichen. Die Haut ist unser größtes Organ – diesen Satz hören Thermenbesucher oft. Auch im Römisch-Irischen Bad, wo Monika Borgmann die erste Seifenbürstenmassage des Tages vorbereitet. Die Kneipp-Bademeisterin arbeitet schon seit 44 Jahren in der Therme. Sie hat die große Modernisierung 1994 mitgemacht, und den Umbau des Lindebads zehn Jahre später. "Wir haben hier schon manche Schlacht geschlagen", sagt sie und lacht. Die gute Laune scheint der zierlichen Frau aus jeder Pore zu blitzen. "Na, na, na." Mit erhobenem Zeigefinger mahnt sie zwei junge Männer, ihre Badehosen auszuziehen, bevor sie ins Dampfbad gehen. Wieder heraus aus dem Dampf, dürfen sie in ein Thermalbecken tauchen, über dem das Sternbild "Cassiopeia" golden an der blauen Decke funkelt.

 

13 Uhr: Im Bistro werden hausgemachte Frikadellen und bunte Salate jetzt im Minutentakt bestellt. Manche sitzen im Bikini vor ihrem Mittagessen, andere im Bademantel. Echte Profis erkennt man daran, dass sie Bademäntel und Badeschlappen von zu Hause mitgebracht haben.

 

15 Uhr: Der Schichtwechsel beginnt. Bis halb fünf werden alle Frühschichtler den Dienst an die Spätschicht übergeben haben. Die Besucher bekommen das kaum mit. Im Kuppelbad schallt der 70er Jahre-Hit "El Lute" aus den Lautsprechern. Barbara Ozoona tanzt am Beckenrand. "Die Arme hoch", ruft die temperamentvolle Physiotherapeutin ihren Schülern im Wasser zu. Alle halbe Stunde gibt sie Wassergymnastik, und die macht sogar Zaungästen am Beckenrand Spaß. "Sie macht das einfach toll", schwärmt eine Frau.

 

17.10 Uhr: Michael Grumber greift zum Wasserschieber. Mit gezielten Bewegungen schiebt der junge Bademeister Wasser, das sich als Pfütze am Beckenrand gesammelt hat, in einen Abfluss. Gelbe Schilder warnen vor der Rutschgefahr. Während seiner Ausbildung im Schwimmbad Neuenburg und danach im Freibad Müllheim hatte der 27-Jährige viel mit Technik zu tun. Die Technik in der Therme aber ist zu groß. Stattdessen kümmert sich Michael Grumber mehr um die Gäste. Er wird oft nach dem Weg gefragt: Ein junges Paar sucht die Sauna, ein älterer Herr das Bistro. Eine Frau hat ihr Handtuch vergessen. "Ich gebe ihnen eins", sagt der Bademeister hilfsbereit. Oft braucht er auch diplomatisches Geschick, wenn sich Gäste nicht an die Badeordnung halten. Sportliches Schwimmen etwa und Springen vom Beckenrand ist verboten. Kleinkinder dürfen nur mit einer Spezialwindel ins Wasser. In die Sauna dürfen Kinder erst ab 12 Jahren. "Wir sind kein Sport- und Erlebnisbad, sondern ein Heilbad", begründet Heike Kleber die Regeln.

 

18 Uhr: "Bitte Ruhe!" mahnt ein Schild vor dem Eingang zum Marmorbad. Trotzdem dringt munteres Stimmengewirr durch die Fenster nach draußen, wo Berufstätige den Abendtarif nutzen, um im 30 Grad warmen Wasser zu entspannen. Scheinwerfer tauchen das Außenbecken in helles Licht, Wasserdampf steigt auf. In der Saunalandschaft ein Stockwerk höher erfährt ein Paar aus Basel, dass es seinen Saunabesuch unbedingt mit einem heißen Fußbad abschließen sollte, um die Körperkerntemperatur wieder zu regulieren. "Danach haben sie wunderbar warme Füße und schlafen gut", verspricht der Saunameister.

 

22 Uhr: Die letzten Besucher verlassen die Therme. Der Spätdienst fährt die Maschinen herunter (sofern das nicht vollautomatisch passiert) und bringt den Müll weg. Der Sicherheitsdienst und ein Techniker schalten auf Bereitschaft. Auch Heike Kleber legt ihr Handy eingeschaltet auf den Nachtisch.

 

3.30 Uhr: In der Therme beginnen schon die Vorbereitungen für den nächsten Tag: Eine externe Putzfirma reinigt die Umkleiden, Duschen, Toiletten, Wände, Böden, Spiegel und Schränke. In fünfeinhalb Stunden kommen die ersten Gäste, dann muss alles sauber sein.

 

Mit 45 Mitarbeitern und sechs Millionen Euro Jahresumsatz (2009) ist die Cassiopeia Therme der größte Betrieb der Badenweiler Thermen und Touristik GmbH (BTT). Die BTT betreibt die Therme, die dem Land Baden-Württemberg gehört. Badenweiler ist ein Staatsbad. Neben den Thermenangestellten kümmern sich Haustechniker der BTT um die Technik. Reinigung und Sicherheitsdienst erledigen Fachfirmen. Der Wellnessbereich ist verpachtet. Rund 300 000 Besucher kommen im Jahr, 500 bis 1500 am Tag, darunter viele aus Frankreich. Die Anlage erstreckt sich über 3800 Quadratmeter, gut 1000 Quadratmeter sind Wasserfläche. Der älteste Teil ist das 1875 erbaute Marmorbad. 1994 erhielt die Anlage ihre heutige Form – und den Namen: Aus dem Markgrafenbad wurde die Cassiopeia Therme. 2004 ließ das Land das Lindebad für fast zehn Millionen Euro zur Saunalandschaft umgestalten.

 

Quelle: Badische Zeitung, Barbara Schmidt

 
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