Ausdruck einer grenzüberschreitenden Kultur
Gastspiel des Moskauer Ermitage-Theaters steht für die besondere kulturelle Beziehung zwischen Badenweiler und Russland.
Badenweiler und Russland haben eine besondere Beziehung, die Kulturprojekte realistisch werden lässt, von denen man eigentlich nur träumen kann. Zumindest, was den berühmten Schriftsteller und Dramatiker Anton Tschechow betrifft. Das jetzige Gastspiel des Moskauer Ermitage-Theaters ist nur das letzte Glied einer Kette von geförderten Projekten.
Als 1908 in Badenweiler das weltweit erste Denkmal für Tschechow – ein Geschenk aus Russland – eingeweiht wurde, formulierte die deutsche Obrigkeit beim Festakt "Tschechow hat bei uns Heimatrecht erworben". Obwohl diese binationale Gemeinschaftskultur in den beiden Weltkriegen aufs Übelste ramponiert wurde, begann das Heilbad bereits 1954, zum 50. Todestag Tschechows, die Gedenkkultur an ihn wieder zu beleben.
Seither hat Badenweiler kontinuierlich diese Tradition gepflegt und entwickelt, und immer hatte auch der russische Staat ein besonderes Augenmerk auf diesen Pfeiler einer grenzüberschreitenden Kultur – sogar mitten im Kalten Krieg, wie Folgendes belegt: Als Bundeskanzler Ludwig Erhardt 1964 zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetische Journalisten in die Bundesrepublik einlud, damit diese dann vom "neuen" Deutschland berichten konnten, begann das Programm nicht in irgendeiner Großstadt, sondern in Badenweiler am gerade ein Jahr zuvor eingeweihten Tschechow-Gedenkstein im Kurpark, wo man Kränze niederlegte. Tschechow gewissermaßen als "gute Fee" der deutsch-russischen Beziehungen.
Dass diese Symbolik weitertrug, erwies sich etwa wieder 2004, als die Tschechow-Denkmalslandschaft des Heilbades nicht nur um eine "Möwe"-Plastik, ein Geschenk von Swerdlowsk, des russischen Partnerlandes von Baden-Württemberg, erweitert wurde, sondern auch durch den "symbolischen Kirschgarten". Diese gemeinsame deutsch-russische Pflanzaktion von zum Teil eingeflogenen russischen Kirschbäumen solle, so die russischen Regierungsvertreter, ganz im Gegensatz zum traurigen Schicksal der Bäume in Tschechows gleichnamiger Komödie, nun eine neue kulturelle Blüte zwischen Deutschland und Russland symbolisieren.
Voriges Jahr, zum 150. Geburtstag von Anton Tschechow, schickte das Kulturministerium der Russischen Föderation auf seine Kosten das international bekannte Obraszow-Puppentheater aus Moskau. Und dieses Jahr zeichnete das Ministerium durch den russischen Botschafter Bürgermeister Karl-Eugen Engler und Museumsleiter Heinz Setzer nicht nur mit der Tschechow-Medaille aus, es übernimmt auch die Kosten für ein Gastspiel des Moskauer Ermitage-Theaters am heutigen 20. und morgigen 21. September im Kurhaustheater von Badenweiler. Dabei ist das extra ins Deutsche übersetzte Stück "Geheime Aufzeichnungen eines Geheimen Rates" keine Verlegenheitslösung, sondern die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Jubiläumsinszenierung zum 150. Geburtstag Tschechows.
Grundlage des Theaterplots ist vor allem die Erzählung "Eine langweilige Geschichte", die Lebensbeichte eines weltberühmten Professors und Arztes, einer Figur, der Tschechow auch eigene Züge verliehen hat. Für die Rollen hat der renommierte Regisseur Michail Lewitin einige der bekanntesten Schauspieler Russlands gewinnen können.
Das Ermitage-Theaterhaus hat selbst eine große Vergangenheit, wenn es sich auch erst seit 1987 so nennt: Dort fanden die Uraufführungen von Tschechows "Möwe" und "Onkel Wanja" statt, dort spielte Sergej Eisenstein und die sowjetische Avantgarde. Lewitin, der mit nach Badenweiler kommen wird, schreibt über sein Theater: "Das ist die Schule der exzentrischen Weltanschauung. Hier werden die Extreme des menschlichen Geistes, seine ewigen Verbindungen und sein Kampf erforscht und gezeigt."
Russland, das Baden und Württemberg seit über 200 Jahren verbunden ist, zeigt sich also erneut als großzügiger Kulturförderer, und Badenweiler hat das Glück, dabei der Partner zu sein. Wünschenswert wäre es, dass auch das Land und der Bund sich bei dieser deutsch-russischen Kooperation mit politischer Präsenz und adäquater Unterstützung einbringen würden.
Aufführungen von Anton Tschechows "Geheime Aufzeichnungen eines Geheimen Rates" heute, Dienstag, und morgen, Mittwoch, 20. und 21. September, jeweils um 20.15 Uhr. Eintritt 18/20 Euro, Schüler, Studierende sechs Euro, Theater im Kurhaus; russischer Originaltext mit projizierter deutscher Übersetzung; Kartenvorbestellung: +49-(0)7632-799-300, E-Mail touristik@badenweiler.de
Quelle: Badische Zeitung





