Ohne Schaltung in die Gänge kommen
Martin Bünz lädt Radnostalgiker am 14. August zur "Retro Velo Classica" ein.
Als Zahnarzt schätzt Martin Bünz modernste Technik, privat liebt er alles was alt ist. Doch Beruf und Freizeit trennt er auch räumlich – seine Praxis steht in Freiburg, sein Haus in Badenweiler. Und am Wochenende ist das Heilbad Start und Ziel der zweiten "Badenweiler Retro Velo Classica". Mindestens 25 Jahre alt müssen die Rennräder sein. Auch Organisator Martin Bünz hat zwei Oldie-Drahtesel.
Bei der Retro Velo Classica geht es nicht um Geschwindigkeit. Wie auch. Ohne Gangschaltung fährt man nicht gegen die Zeit. Geradelt wird aus Spaß, aber das kann ganz schön anstrengend sein, auf einem Oldie ohne Schaltung oder Leerlauf. Eine Strecke von sechzig Kilometern mit 400 Höhenmetern durch den Südschwarzwald zu strampeln, ist eine schweißtreibende Angelegenheit. Wie im Vorjahr werden je nach Wetter bis zu 25 Teilnehmer erwartet. Der Interessentenkreis sei überschaubar, sagt Martin Bünz: "Es gibt noch nicht viele Radler, die richtig angefressen sind."
Wer es aber ist, der trägt auch das passende Outfit: Ledersturzkappen, Knickerbocker und Wolltrikots, dazu den Ersatzschlauch um den Hals. Martin Bünz besitzt einen Opel Flitzer, Baujahr 1929, ohne Schaltung und ein englisches Sun-Rad, Baujahr 1951, mit drei Gängen. Kriterium für die Teilnahme ist laut Bünz, dass die nostalgischen Rennräder mit Bowdenzügen und Bremsen ausgestattet sind, die außerhalb des Rahmens liegen – was bis Anfang der 1980er Jahre üblich war.
"Bergab steigt man am besten vom Rad und geht zu Fuß."Retro Velo-Veranstalter Martin Bünz
Reinhard Grauer aus Stuttgart ist wieder dabei – auf Holzfelgen mit seinem Brennabor-Rad von 1898, dem ältesten Modell der Tour. Der Oldie hat keine Gangschaltung und eine starre Nabe statt des Leerlaufs. Damit fährt es sich mühsam bergauf, aber noch viel schwieriger bergab, weil der Radler der Steigung angepasst rasant in die Pedale treten muss. "Bergab steigt man am besten vom Rad und geht zu Fuß ins Tal", so Martin Bünz.
Gangschaltungen gab es für Rennräder schon recht früh; die erste erfand 1930 Tullio Campagnolo, seinerzeit ein berühmter Radsportler, Erfinder von 135 Patenten und Gründer einer bis heute bekannten Firma. Früher mussten beim Rennen noch die Hinterräder gewechselt werden: "Bergauf radelte man mit dem großen, bergab mit dem kleinen Kettenrad", erzählt Martin Bünz. 1922 erfand Tullio Campagnolo die Schnellspannachse, 1930 die Gestänge-Kettenschaltung.
Unter den stolzen Besitzern nostalgischer Rennräder gebe es zwei Gruppen, sagt Bünz: Die Sammler und die Fahrer. Die einen stellen ihre Schätze womöglich gar ins Wohnzimmer zum Anschauen, die anderen schwingen sich in den Sattel. Um allen gerecht zu werden, bietet die Retro Velo Classica zwei Rundstrecken. Die Sammler radeln je nach Wunsch 20 bis 40 Kilometer rund um Badenweiler. Lotse ist Hans Grether aus Schweighof auf dem Opel Flitzer. Wer aber wissen will, wie weit die Kräfte auf einem alten Rennrad durch den Südschwarzwald reichen, fährt die große Runde: 60 Kilometer von Badenweiler über Kandern, Scheideck, Schlächtenhaus – wo Schwarzwälder Schinken mit Markgräfler Gutedel kredenzt wird – und zurück nach Badenweiler zur Entspannung der Bein- und Gesäßmuskeln in der Cassiopeia Therme.
Was Martin Bünz an den uralten Rennrädern am meisten imponiert, ist die Handarbeit, die jeden Oldie auszeichnet. Die Kunst alter Handwerksmeister hat ihn auch bewogen, 2001 das Kaffeehaus Siegle in Badenweiler zu kaufen. "Diese Architektur im Jugendstil war schon immer mein Traum", sagt er. Selbstverständlich wohnen er und seine Frau Sandra auch im Haus. Er arbeitet in Freiburg, sie in Basel und das Domizil liegt genau in der Mitte. "Hier zu wohnen ist Erholung pur", schwärmt Sandra Bünz.
Von der mediterranen Terrasse aus geht der Blick bis in die Vogesen. Martin Bünz ist aber Zahnarzt und Sammler, kein Hotelier. Das Haus mit 13 Gästezimmern steht unter der bewährten Leitung von Roswitha und Manfred Brockmann. Berühmt ist das Kaffeehaus Siegle für seine selbst gemachten Kuchen und Torten. Doch zur "Velo Classica" wird es drei Tage lang zum Radhotel für Teilnehmer aus ganz Deutschland und der Schweiz. Am Tag vor der Tour werden die Kohlenhydratspeicher mit Pasta aufgefüllt, nach der Anstrengung ist eine Grillparty angesagt.
Badenweiler Retro Velo Classica: Start am Samstag, 14. August, 10 Uhr, auf dem Schlossplatz. Teilnehmer melden sich im Kaffeehaus Siegle, Tel. 07632/82240, Info auch unter: info@hotelgarnisiegle.de
Quelle: Badische Zeitung, Autor: Sigrid Umiger





