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Donnerstag, 21. Oktober 2010

"Ein Ort voller Geschwätzigkeit"

BADEN-WÜRTTEMBERG LIEST: Dem Erzählforum "Wie Phönix aus der Asche" lauschten rund achtzig Zuhörer in Badenweiler.

 

Im vollbesetzen Hofsaal des Hotels Römerbad moderierte Heinz Setzer am Samstag das Erzählforum "Wie Phönix aus der Asche". Weil Badenweiler während beider Kriege als Lazarettstandort nicht angegriffen worden sei, habe ein Kreis von Künstlern – Setzer nennt ihn "Cercles Littéraires" – hier Zuflucht gesucht. Berichtet wurde über Künstler, die ihre Wurzeln oder Häuser in Badenweiler hatten.

 

Der Schauspieler Charles Regnier stammt aus Badenweiler. Aus dessen Leben berichtete sein Sohn, der Münchener Chansonsänger und Schriftsteller Anatol Regnier, der seinem Vater sehr ähnlich sieht und der mütterlicherseits ein Enkel des Schriftstellers Frank Wedekind ist. Aus der Kabarettzeit seines Großvaters Wedekind sang Anatol Regnier Chansons und begleitete sich an der Gitarre. Seine Mutter, Pamela, wurde 1906 als älteste Tochter Wedekinds geboren und war mit Klaus Mann verlobt, bis dieser wegen Hitler emigriert ist. Pamela Wedekind war ebenfalls Schauspielerin, wie der Sohn erzählt. Sie hatte ihren Kollegen, seinen Vater Charles Regnier, 1940 bei dessen Bühnendebüt in Greifswald kennengelernt. Charles wiederum war der Sohn von Anton Regnier, einem Arzt in Badenweiler. Der habe eine "böse" Schwiegermutter gehabt: Emilie Harrer, Alleinerbin des Schlosses Hausbaden. Großvater Anton habe aus dem Schloss ein Sanatorium machen wollen, was Urgroßmutter Emilie durch den Verkauf verhindert habe: "Das war 1923 und wegen der Inflation sank der Erlös auf Null, so dass meine Familie verarmt ist", so Anatol Regnier. Ein Jahr später hat sich Großvater Anton Regnier erschossen. Nach dem Abriss des Schlosses wurde hier die Rehaklinik Hausbaden gebaut, so wie das sein Opa gerne gehabt hätte, so Anatol Regnier. 2001 starb sein Vater Charles 87-jährig und wurde auf dem Friedhof in Lipburg beigesetzt. Dort ist auch René Schickele beerdigt.

 

Schickele, 1883 in Elsass-Lothringen geboren, starb 1940 im Exil in Südfrankreich. Seinem Wunsch, in Lipburg beigesetzt zu werden, konnte daher erst 1956 entsprochen werden, erklärte Thomas Blomenkamp, Vorsitzender des René-Schickele-Kreises. Er bedauerte, dass Schickeles Bücher kaum bekannt seien. Der begeisterte Europäer sei 1920 nach Badenweiler gekommen, habe sich mit dem Maler Emil Bizer befreundet und an der Kanderner Straße sein Haus gebaut. Schickele sei stets zwischen zwei Stühlen gesessen. Er habe sein Elsass geliebt, aber den Rhein nicht als Grenze gesehen. Da er weder deutsch-, noch französisch-nationalistisch gewesen sei, hätten ihn beide Seiten als Vaterlandsverräter geächtet, so Thomas Blomenkamp.

 

Nachbarin von Schickele war Annette Kolb. Sie habe ihren Jahrgang 1870 stets verheimlicht, sogar Ausweispapiere gefälscht, erzählte Pfarrer Langendörfer. In ihrem in Badenweiler verfassten "Beschwerdebuch" schreibt Annette Kolb: "Frauen, die keinem Mann gehören, behalten eine Aktie auf jeden Mann." Kolb habe versucht, auch Hermann Hesse nach Badenweiler zu locken. Der habe abgelehnt mit der Begründung, er sei unfähig, ein Haus zu kaufen und in Ordnung zu halten, zitierte ihn Rolf Langendörfer.

 

Die 89-jährige Schriftstellerin Ingeborg Hecht lebte von 1943 an in Badenweiler und ist 1953 nach Freiburg gezogen. Von dort sollte sie am Samstag vom Fahrdienst abgeholt werden, was aber nicht termingerecht geklappt hat. So blieb Ingeborg Hecht, die als Chronistin der Kriegszeit international bekannt wurde, nur Zeit, um Passagen aus ihren Büchern vorzulesen. Das haben viele Zuhörer bedauert – sie hätten gerne von der agilen Seniorin authentische Zeitberichte gehört.

 

Anatol Regnier erinnerte auch an eine andere Frau: die "glühende Anti-Nazistin" Tami Oelfken (1888-1957). Die Lehrerin und Schriftstellerin war 1941 in Badenweiler und hat in ihrem Buch "Fahrt durch das Chaos" moniert: "Das ist ein Ort voller Geschwätzigkeit, der sich vor der Partei verneigt." Sie trug stets Hosen wegen eines Hüftleidens. Weil ihr Kinder auf der Straße "Hosenweib" nachriefen, beschwerte sich Tami Oelfken über die "Misstände der Jugend" beim örtlichen Oberlehrer Bertschin und beim Kultusministerium. Das Ministerium gab ihr folgende Antwort: "Es gibt unter den Bürgern große Aufregung über die unweibliche Kleidung weiblicher Kurgäste. Womöglich wird solchen Damen bald die Unterkunft in Badenweiler verweigert."

 

Quelle: Badische Zeitung, Sigrid Umiger

 
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