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Freitag, 11. November 2011

Ein Ex-Minister erklärt die Welt

Rüdiger Safranski im Gespräch mit Norbert Blüm beim ersten Römerbad-Dialog in Badenweiler .

Norbert Blüm hat wieder Konjunktur. Seine Streitschrift "Ehrliche Arbeit" mit dem Untertitel "Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier" passt in die Zeit. Gerade jetzt, da die der Occupy-Bewegung gegen die aktuellen Vorgänge in Politik und Finanzwelt zu Felde zieht, fühlt er sich mit seinem Kampf gegen die "Trinität der Neoliberalisierung: Deregulierung, Privatisierung, Kostensenkung" auch in der eigenen Partei endlich verstanden. Blüm frohlockt im Römerbad: Auf dem bevorstehenden Bundesparteitag der CDU stehe mehr oder weniger das Kontrastprogramm zu den in seinen Augen verheerenden Beschlüssen von 2003 zur Debatte. "Ehrliche Arbeit" muss im Mittelpunkt stehen. Jetzt scheint er recht bekommen zu haben. Blüm spart nicht mit Häme: Die Volkswirte, er nennt sie Schamanen, hätten mit ihren Prognosen versagt.

Norbert Blüm war 16 Jahre Minister für Arbeit und Soziales in der Regierung Kohl und stand zusammen mit Peter Sodann auch schon als Kabarettist auf der Bühne. "In der Abteilung Polemik bin ich gut", sagt er über sich selbst. Man müsse das System von Grund auf neu denken, fordert er. Seine Rezepte gegen die Krise sind aber die altbekannten. Er schwört auf das umlagefinanzierte Rentensystem – wobei er einräumt, dass dies wegen der niedrigen Geburtenrate nicht ohne höhere Beiträge zu haben sei. Er appelliert, Hebel zitierend, an den in seinen Augen vielgeschmähten Zusammenhalt der Generationen. "Die Renten sind sicher", von diesem Satz will er nicht lassen.

 

Rüdiger Safranski – der Schriftsteller und Philosoph ist der Partner bei diesem ersten Römerbad-Dialog – befeuert den ohnehin schon Empörten. "Man hat den Eindruck, Sie haben das mit ordentlichem Groll geschrieben?" Blüm lässt sich nicht zweimal bitten und legt nach: Hinter den Aufrufen zur Eigenvorsorge stände nichts als die handfesten Interessen der Versicherer. Norbert Blüms Thema ist die Arbeit. Er hat selbst als Werkzeugmacher bei Opel am Band gestanden, und weiß, wovon er spricht. Arbeit ist für ihn die Quelle von Würde und Anerkennung. Leiharbeit hatte er sich, als er dafür war, als Puffer für schlechte Zeiten gedacht, nicht als System. "Arbeitnehmer werden behandelt wie Ersatzteile" wettert er. Flexibilisierung passt ihm nicht ins Konzept. "Auf Ehe, auf Nachbarschaft, auf Heimat verzichten – das werden die Leute nicht mitmachen." Safranski wirft ein: "Und wenn die Arbeit ausgeht?" Niemand müsse untätig sein, antwortet Blüm. Von den Ressourcen her wäre es längst möglich, dass die einen arbeiten und die anderen mitgeschleppt werden, erklärt er, "aber das ist nicht meine Welt". Es gebe schließlich genug zu tun auf dieser Welt, stellt er fest, wo genau und zu welchen Bedingungen, das bleibt offen. Blüm denkt vom Anfang her, aber nicht immer bis zum Schluss.

 

Was Blüm nicht möchte ist der Bürger als Antragsteller. Über Steuern finanzierte Zuschläge für Bedürftige, etwa im Falle einer von CDU und FDP avisierten "Kopfpauschale" lehnt er in Bausch und Bogen ab. "Ich möchte nicht, dass der Staat mich fragt: Bist Du arm oder reich?", erregt er sich, "ich möchte nicht unendliche Anträge ausfüllen und mich ständig vor dem Staat rechtfertigen müssen". Dass er der Moral normative Kraft verleihen will, verblüfft bei seiner Herkunft aus der katholischen Soziallehre nicht, wohl aber, was für ihn in diesem Rahmen alles denkbar ist. Schariakonforme, zinsfreie Anlagen scheinen ihm eine Überlegung wert, eine probate Möglichkeit, sich dem "raffenden Kapital" zu entziehen.
Nach zweieinhalb atemlosen Stunden beenden die beiden Herren unter dem begeisterten Beifall der Zuhörer ihr Gespräch.

 

Quelle: Badische Zeitung

 
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