Ein eigenartiger Sog – man will immer mehr hören
Eva Mattes und Rissala tragen Märchen aus 1001 Nacht vor.
Er ist hässlich, der Ifrit, hat Ohren wie lederne Schilde und einen Kopf wie ein Brunnen, und er ist gefährlich, das hört man nicht nur aus der Beschreibung, sondern auch am Ton in dem er spricht.
Seine Stimme erhielt er von Eva Mattes, der Schauspielerin, die dem Publikum vor allem als Tatort-Kommissarin bekannt ist, in diesem Fall aber im märchenhaft anmutenden Kuppelsaal des Hotels Römerbad orientalische Märchen aus Tausendundeiner Nacht vorlas.
Mit wohlig warmer Altstimme und einem ruhigen klaren Erzählduktus umgarnte sie am Sonntag als moderne Scheherazade die Zuhörer, die wie gebannt den Erzählungen von unheimlichen Dschinnen, verzauberten Fischen, armen rechtschaffenen Leuten und bösen mächtigen Intriganten am Königshof lauschten. Faszinierend, wie Eva Mattes die Geschichten in den Geschichten aufblätterte, an denen die orientalischen Märchen so reich sind. Der Erzählstrom erhielt dadurch einen eigenartigen Sog, bei dem man die Neugier des Königs, der Scheherazade zuhört, unmittelbar selbst erfahren konnte; immer mehr wollte man hören, denn immer war noch ein Erzählfaden offen.
Ein Ebenbild dieser Erzählungen in Tönen war die Musik, mit der das französische Ensemble Rissala die einzelnen Kapitel kommentierte. Adel Salameh malte mit seiner Aoud, der großen orientalischen Laute, wundervolle Bilder voller Poesie und Wohlklang mit geheimnisvollen Nuancen im Pianissimo und fröhlichen, tänzerischen Ausbrüchen. Der Percussionist Adel Shams El Din weckte mit seiner Schellen-Handtrommel Rhythmen von wilden Reiterscharen, im Wasser tanzenden Fischen und ruhig dahinplätschernden Brunnen. Fast überirdisch wurde es, als er die große Rahmentrommel zur Hand nahm, die zu den tiefen Basssaiten der Aoud eine verblüffende Tonverwandschaft offenbarte. Tief aus der innersten Seele heraus schien der vokalreiche Gesang von Naziha Azzouz zu kommen, mit kunstvollen Verzierungen, weichen Glissandi und klagenden Weisen, die fast wie Schluchzer klangen. Das goldene Kleid der Sängerin wirkte wie eine glänzende Illustration der Märchen.
Das Trio nahm den magischen Erzähl-ton von Eva Mattes auf, und so flossen Geschichten und Musik im steten Wechsel ineinander über. Man hatte Zeit, das Erzählte zu reflektieren, über die Akteure der Geschichten nachzudenken, bei denen das Wort noch gilt, deren Mitleid in gute Taten mündet und deren Toleranz Platz für Andersdenkende lässt.
So sind die vier verschiedenfarbigen Fische, die der Fischer auf Geheiß des Ifrit aus dem See zieht, Bürger einer verwunschenen Stadt, die vier Religionen angehören: Muslime, Feueranbeter, Christen und Juden.
Fast drei Stunden, unterbrochen von einer Pause, lauschte das Publikum diesen Klängen aus einer versunkenen Welt, die uns heutigen Menschen doch so viel zu sagen hätte. Anstatt einer Zugabe bezogen die Musiker dann Publikum und Vorleserin als Rhythmusgeber in einen übermütigen gemeinsamen musikalischen Kehraus ein. Der Märchenabend mit dem Titel "Fernweh – Geschichten aus 1001 Nacht" war die Auftaktveranstaltung zur Sommerakademie des Vereins Kunstpalais mit dem Thema Musik aus dem Orient.
Weitere Termine: Es folgen am Freitag, 2. September, 20 Uhr, im Hotel Römerbad ein Konzert mit dem Ensemble "les Haulz et les Bas", am Samstag, 3. September, 20 Uhr, im Kunstpalais noch einmal das Trio Rissala und am Sonntag, 4. September, 11.15 Uhr, im Kunstpalais ein Konzert mit den Teilnehmern der Instrumentalworkshops. http://www.kunstpalais-badenweiler.de
Quelle: Badische Zeitung




