Dramatische Hochspannung
Tagebuch eines Wahnsinnigen – grandios-groteske Inszenierung beim Tschechow-Theaterfestival in Badenweiler.
Wie unter Bann erlebte das Publikum das dramatisch-groteske Geschehen des "Tagebuchs eines Wahnsinnigen", das Bäno Axionov, russischer Regisseur von der "Insel", der Filiale des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, anlässlich des 150. Geburtstags des russischen Schriftstellers und Dramatikers Anton Tschechow inszeniert und zum "Deutsch-russischen Tschechow-Theaterfestival" nach Badenweiler gebracht hatte.
Indem Axionov die fantastische Erzählung "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen" (1835) von Nikolaj Gogol mit der wohl düstersten Erzählung Tschechows, "Krankenzimmer Nr. 6" (1892), zu einer neuen szenisch-textlichen Einheit verschmolzen hat, ist ihm eine theatralische Meisterleistung gelungen. Dabei folgt Axionov weitgehend der Textvorlage Gogols, doch die dramatische Situation ist die eines Protokolls aus der psychiatrischen Abteilung Nr. 6.
Von dem Helden Poprischtschin in vielen Stimmungslagen wiederholt vorgetragene Gedichte von Rilke und Heine, vor allem die Strophen der "Loreley", in denen die Schiffer, vom Anblick der Schönen verzaubert, von den Wellen verschlungen werden, schufen poetische Zäsuren, welche die sich nähernde Katastrophe noch eindringlicher werden ließen. Leidet Poprischtschin doch als ein im Rang niedriger und mittelloser, aber dennoch talentierter Beamter, gleichermaßen unter der Missachtung seiner Kollegen wie seines Amtschefs, in dessen Tochter Sophia er sich zu seinem Unglück verliebt.
Einblicke in die Intimsphäre Sophias erlangt Poprischtschin, als er in sich steigerndem Wahn glaubt, den Briefwechsel des Hündchens seiner Angebeteten – seit E.T.A. Hoffmanns Kater Murr ein romantisches Motiv – geraubt zu haben und darin lesen zu können. Aus den chaotischen Papierbergen seines Tagebuchs und der Hundekorrespondenz, welche die ganze Bühne bedeckten, fantasiert Poprischtschin sich das Familienleben seines Direktors und sein eigenes Schicksal zusammen.
Nicht nur Tschechows realistische Erfahrung als Bezirksarzt führt hier zu scharfer Kritik an der Gesellschaft und ihren Heilmethoden, auch der ein halbes Jahrhundert ältere Text Gogols zieht unbarmherzig gegen die Gnadenlosigkeit einer Zeit vom Leder, die gesellschaftlichen Stand und Finanzkapital zu zentralen Werten erhoben hat.
Als Sophia einen reichen Staatsrat heiratet, kompensiert Poprischtschin seine Verzweiflung durch eine Bewusstseinsspaltung – von nun an erwartet er als neuer König von Spanien seine Inthronisierung. Doch die vermeintlichen Krönungsrituale erweisen sich als entwürdigende psychiatrische Behandlung des Irrenarztes.
Eine immense Herausforderung für den 29-jährigen Hauptdarsteller Till Florian Beyerbach, der er in grandioser Weise gerecht wurde. Beyerbach schuf eine unglaubliche Bühnenpräsenz – 90 Minuten ohne Pause dramatische Hochspannung. Mimik, Gestik und Sprache changierten von der feinsten inneren Regung über unterdrückte Wollust bis zum Wutgetobe – ein Verwandlungsreichtum, der keine Kulissen benötigte, um stets neue Szenen zu erschaffen. Wie auf Kommando riss es nach dem Schlusstableau das Publikum in die Höhe, um standing ovations zu spenden.
Quelle: Badische Zeitung




